Großpolnisches Ruderabenteuer
Wanderfahrt vom 12. bis 20. September 2026 von Kruszwica nach Posen
Text und Fotos: Marc Tornow
Fahrtenleitung: Łukasz Kaczmarek

Das hübsche Posen mit seinen gut bürgerlichen Vierteln, der Reminiszenz an mittelalterlichen Glanz sowie markanten Türmen von Rathaus, barocker Pfarrkirche und nicht zuletzt der Doppelspitze der Erzkathedrale auf der Tumski-Insel im Fluss Warthe gelegen – dies alles blieb zurück, als der Reisebus über einen schnurgeraden Boulevard aus der Stadt hinaus gen Osten rollte. Hinter den Scheiben fegte der Maltasee vorüber, das Posener Hausgewässer, auf dem auch die polnischen Profis im Rudersport trainierten. Bald schon kam flaches Land in den Blick, die Wiege bäuerlicher Kulturlandschaft der Woiwodschaft Großpolen. Kleinstädte und Dörfer, deren Menschen die preußische Korrektheit und Ordnung über die Jahrzehnte hinweg irgendwie in Fleisch und Blut übergegangen zu sein schien. Alles wirkte auf subtile Weise aufgeräumt und akkurat. Noch die kleinsten Parzellen waren aufwändig mit Gittern, Mauern und Zäunen abgeschirmt.

Nach knapp zwei Stunden Fahrt erreichte der Bus das nördliche Ende des Goplosees; bald darauf traf auch der begleitende Wagen mit den Ruderbooten ein: fünf solide Gig-Vierer in bunten Farben. Derweil drunten auf dem See ein Ausflugsschiff zur spätsommerlichen Sonntagspassage vorüberzog. Das Saisonende nahte und nur noch wenige Gäste hatten sich an Bord eingefunden. Hand in Hand wurde an Land die Ruderausrüstung montiert und endlich über eine sandige Böschung zu Wasser gelassen. Just als die Boote „in See“ stechen konnte, hörte der Nieselregen auf. Die Ruderregattastrecke und der mittelalterliche Mäuseturm von Kruszwica entfernten sich Schlag um Schlag und bald schon gehörte der langgestreckte Goplosee nur noch den auswärtigen Ruderleuten. Die Sonne blinzelte hervor und warf leuchtende Kaskaden über weitläufige Schilffelder. Einsame Badebuchten mochten im Sommer erholungsbedürftige Urlauber aus dem ganzen Land begrüßen. An diesem Sonntag blieben die Ruderboote bis auf ein paar Segler unter sich, passierten Seengen, einsame Gehöfte und einen Kanal.





In Polen waren sie weit verbreitet: Sogenannte Erholungszentren – Hotelanlagen inmitten großzügig bemessener Grundstücke am Rande nennenswerter Ortschaften gelegen. Die Herbergen boten Raum für Familienfeiern, berufsbildende Seminare oder eben auf Wanderschaft befindliche Rudergruppen. Per Minibus wurden an drei Tagen bzw. Abenden die Strecken zwischen Anlegestelle und Quartier bewältigt, während das Wetter täglich sonniger und der Himmel blauer wurde. Der in diesem Jahr auch polenweit ausgebliebene Regen hatte akut Niedrigwasser zur Folge. Nur noch einmal täglich öffnete daher das staatliche Wasser- und Schifffahrtsamt die Tore, um vom Goplosee insgesamt sechs Meter hinauf zum Mikorzynsee zu schleusen. Dort hatte sich die polnische Elite trefflich eingerichtet – mit gigantischen Anwesen und Villen in Nachbarschaft zu Badeanstalten, Yachthäfen und Vergnügungsparks. Mitten zwischen Kiefernwäldern, Wiesen und Feldern lag das gebuchte Erholungszentrum. Ein imponierender Flügelbau mit Seeblick und ausgezeichneter Küche. Von dort aus waren es lediglich 14 Kilometer bis zum Marienwallfahrtsort Licheń Stary, der sich am Ende einer weitläufigen Allee als penibel gehegtes Parkgelände herausstellte. In seiner Mitte war nach der politischen Wende in den 1990er-Jahren der Grundstein für einen weitläufigen sakralen Bau gelegt worden. Privat finanziert hatten Personen mit polnisch-katholischen Wurzeln weltweit Spenden bereitgestellt und so eine der größten Kirchen Europas ins Leben gerufen. Der Bau düpierte mit allerlei Superlativen wie fünf Orgeln, einem 145 Meter hohen Kirchturm und der weithin sichtbaren Kuppel. Draußen und drinnen mit viel Gold verziert, über und über mit christlichen Figuren entlang stattlicher Säulen ausstaffiert sowie in viel Granit und Marmor gehalten. Als Gast tastete man zu fortgeschrittener Stunde im nahezu menschenleeren Gotteshaus im Dunkeln umher. Das stimmungsvoll intonierte Ave Maria einer Solistin mit Orgelbegleitung verlieh der surrealen Atmosphäre Herzenswärme.



Volksnaher und wider aller Äußerlichkeiten lebendiger die Plattenbausiedlungen von Konin, die als nächste Ruderetappe am Folgetag in Sicht kamen. Bei hochsommerlichem Wetter war die Kleinstadt nach zwei weiteren Schleusungen sowie der Passage durch ein morastiges Dickicht von Entengrütze erreicht. Mehrere Blöcke eines am Horizont von Wäldern halb verdeckten Braunkohlekraftwerks sowie ein inzwischen stillgelegtes Chemiekombinat hatten in den 1960er- und 1970er-Jahren zig Tausende polnische Arbeitskräfte hierher ins Herz der heimischen Agrarwirtschaft gezogen. Nun stand dieser Zweig der nationalen Montanindustrie vor dem Aus – und mit ihm das Schicksal der benachbarten Retortenstadt Konin. Allein am angrenzenden Altstadtviertel schien die Geschichte nahezu ungerührt vorüberzuziehen: Das im preußischen Stil errichte Rathaus mit Uhrturm hatte die Wirren von Kriegen und Besatzungen ebenso unbeschadet überstanden, wie die kleine Synagoge die Verbrechen der Nazi-Zeit. Während sich drüben in den Hochhaussiedlungen die Leute um ihre berufliche Zukunft sorgten, hatte diese Frage auf die Menschen im ursprünglichen alten Teil der Kleinstadt kaum einen Einfluss. Dort gruppierten sich kleine Stadthäuser im Biedermeier-Stil stolz um einen mittelalterlichen Anger mit einer Wegmarkierung, die als eines der ersten Verkehrszeichen der Welt galt: Hier befand sich die Hälfte der Strecke zwischen Posen und Lemberg. Staunend wandelte man derweil an der mit EU-Geldern erneuerten Uferpromenade und ließ im rot-gelb-goldenen Licht der Abendsonne den Blick über den Fluss Warthe schweifen.


Auf diesem Gewässer sollte es fortan weitergehen – immer mit dem Strom, immer gen Westen. Passiert wurden dabei einige der schönsten Landschafts- und Naturparks Polens. Felder, Wiesen und Auen wechselten ab mit düsteren Kiefern- und Eichenwäldern. Und außer ein paar Fähren, die bevorzugt zum Transport von Viehherden zwischen beiden Ufern dienten, begegnete man tagelang kaum einem anderen Boot. Selbst nicht an den wenigen Anlegestellen, die meist im Unterholz zwischen Schilf und sandigen Ufern gesucht werden mussten. Binnen weniger Schritte war dann das jeweilige Quartier für die Nacht erreicht, etwa die herrschaftlich anmutende Bischofsresidenz vom Ciążeń. Das imponierende Anwesen inmitten eines schmucken Barockgartens oberhalb des Flusses Warthe gelegen hatte den Erzbischöfen von Posen zeitlebens als angemessenes Domizil für Konklaven und sommerliche Erholung gedient. Heute gehörte es zur Universität von Posen, die dort Seminare ausrichtete und Zimmer vermietete.


Die nächste Unterkunft fand sich gar auf einem Gestüt: Das Gehöft Hermanów war die Heimat für bildschöne Pferde und der Rittmeister hatte es sich mit seiner Frau zur Aufgabe gemacht, Gäste – mit oder ohne Hang zum Reitsport – einen eindrucksvollen Aufenthalt zu bereiten. Man konnte eine Pferdekutsche zur Ausfahrt mieten, im nahen Wald Pilze sammeln und in kulinarischen Köstlichkeiten schwelgen, die in kurzer Abfolge aus den Flügeltüren der Küche herbeigetragen wurden.
Vorbei an Zisterzienser- und Franziskanerklöstern, stattlichen Kapellen und Kirchenschiffen mit bauchigen Zwiebeltürmen im funkelnden Spätsommerlicht entlang des Ruderwegs gesichtet glitten die fünf Gig-Boote auf und davon. Sogar historische Windmühlen von niederländischen Siedlern nach holländischem Vorbild errichtet tauchten am Ufer zwischen Laubwäldern auf, die einen Hauch von Herbst mit gelblich gefärbten Blättern zeigten. Während droben am Himmel Düsenjäger auf weißen Kondensstreifen ritten und markierten, wie es um die weltpolitische Großwetterlage bestellt war.



Schaukelnd näherten sich am Abend des letzten Rudertags nach 221 Kilometern auf dem Wasser die Boote schließlich dem Zielort Posen. Unter dem Kiel gluckste die Warthe zum Abschied in ihrem Bett aus aufgeschütteten Felsbrocken, schon grüßten die ersten Vororte der Universitätsstadt zwischen Weiden und Gestrüpp. Doch der avisierte Anleger in den Auen am Rande der Altstadt hatte sich plötzlich in Luft aufgelöst. Einigermaßen ratlos kurvten die fünf Boote im druckvoll voranströmenden Fluss umher. Bis alle Ruderleute an einer für Motorboote gedachten Rampe buchstäblich über Stock und Stein aussteigen mussten. Die kiloschwere Ausrüstung wurde über wackelige Wackersteine aus dem Strom gehievt und im früh hereingebrochenen Abend ging es nun wohl verdient zu Tisch.
Derweil hatte der milde Samstagabend die Jugend vor die Türen ihrer Studentenwohnheime, hinaus in die Parkanlagen von Posen gelockt. Wodka- und Bierflaschen kreisten, Zigaretten wurden lauthals untereinander geteilt, ebenso der letzte Tratsch aus dem Vorlesesaal, und Liebespaare verschwanden kichernd in der aufziehenden Nacht. Oder in einem der unzähligen Lokale rund um den Alten Markt. Längst schon wirbelten dort köstliche Aromen durch die Straßen der Innenstadt, in der sich unzählige Restaurants, Bars und Bäckereien mit einem breiten Angebot großpolnischer kulinarischer Spezialitäten fanden. Allabendlich zog es nicht nur die Jugendlichen dorthin hin. Überhaupt trafen sich Einheimische gern im Zentrum – und wenn es nur auf einen Kaffee war. Es gab alle möglichen Sorten von deftigem Sauerkraut, saftigem Schweinebraten, fetten Würsten, herzhaft gefüllten Teigtaschen, Kartoffeln und Klößen, ganz abgesehen von den berühmten Posener Martins-Hörnchen, gefüllt mit Nüssen, Rosinen und weißem Mohn aus Indien. Aber das war schon die nächste Geschichte – und passte zur geleisteten Kraftanstrengung der zurückliegenden Tage.

